Paul Heyse: „Die Stickerin von Treviso“


Paul Heyses Novelle „Die Stickerin von Treviso“ erschien im Jahr 1869 im 3. Band von „Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft“. Herausgegeben wurde dieser Band von Ernst Dohm und Julius Rodenberg im Payne-Verlag mit dem Verlagsort Leipzig.
Das Kernthema dieser Novelle ist die Liebesgeschichte zwischen Attilio Giovanna, welche  aufgrund gesellschaftlicher Umstände nicht ausgelebt werden kann und somit tragisch endet. Eingebettet ist dieses Thema in eine Erzählung, die ein Liebhaber mittelalterlicher Literatur einer  im Landhaus, aufgrund eines Sturmes, gefangenen und sich langweilenden Gesellschaft zur Unterhaltung vorliest.

Der Text beginnt mit der Beschreibung von einem Unwetter, sintflutartigem Regen und einer Gesellschaft, die sich in einem Landhaus befindet und sich versucht die gute Laune durch das schlechte Wetter nicht vermiesen zu lassen.
Die Anwesenden im Salon werden in ihren Tätigkeiten beschrieben und man geht in Erwartungshaltung den Titel betreffend, alsbald eine Frau beim Sticken vor das geistige Auge geführt zu bekommen. Doch dem ist nicht so. Die eigentliche Kernthematik beginnt mit der Geschichte des Herrn Eminus, welcher Historiker ist und sich als Literaturliebhaber auszeichnet und wie auch die Anderen der gebildeten Bevölkerung angehört.
Dennoch ist die Rahmenhandlung für das Gesamtwerk von großer Bedeutung. Während sich die restliche Gesellschaft am dritten Tag unveränderten Wetters nicht mehr zu beschäftigen wusste, fiel Eminus auf, da er eines heiteren Gesichtes gedankenversunken durch den Salon schlenderte. Da diese Heiterkeit auf eine Geschichte zurückzuführen ist, wollten die anderen Anwesenden diese ebenfalls hören. Und hier lokalisiert sich die Frage nach der wahren Schönheit einer Geschichte. Eminus‘ Geschichte nämlich ist keine dieser Zeit, in der alles ausgeschmückt und punktgenau beschrieben wird. Seine Geschichte ist nicht ausführlich und detailliert, sondern lässt Raum für Interpretationen und Fantasie, so dass „nur der Kenner oder Liebhaber sich das Seinige daraus zusammensuchen mag.“[1]
Die Anwesenden aber ergeben sich ganz dem Stil der Moderne und unterstreichen ihre Haltung mit dem Ausdruck, dass jede Zeit „ihre Kleiderordnung [hat], und man muss wohl oder übel die Mode mitmachen.“[2]
Doch auch wenn Eminus befürchtet mit der inhaltlichen Sittlichkeit der Geschichte bei den anwesenden Frauen anzuecken, fordern genau diese ihn auf, sie dennoch zu erzählen, da er selbst, Eminus, als sittlich gilt. Somit ist zu erwarten, dass sich die nun folgende Geschichte, welche Eminus vorliest, wider die  Sittlichkeit der Moderne geht.
Und genau dieses tut sie.

Der inhaltliche Aufbau dieser Novelle von Paul Heyse besteht aus einer Rahmen- und einer Binnenhandlung. Beide Handlungen werden vom Erzähler im Präteritum erzählt und beinhalten die direkte Rede der Figuren.
Der Leser wird in medias res in die Rahmenhandlung versetzt und bekommt durch den neutralen Erzähler einen Einblick in das aktuelle Geschehen. Es handelt sich um eine extra- und heterodiegetische Erzählung.

Der Erzähler der Rahmenhandlung ist demnach nicht Teil der erzählten Welt, dennoch scheint er sich durch den Historiker Eminus zu definieren. Während die anderen Anwesenden durch den Erzähler charakterisiert werden; charakterisiert der Autor Eminus durch seine Reden. Eminus ist ein Historiker, der eine Vorliebe für mittelalterliche Literatur hat. Ihm ist „in jeder Geschichte die Geschichte selbst die Hauptsache“.[3] Er entsagt sich der Kunst des vorherrschenden Realismus und beschreibt sie als stereotypisch und zu detailliert. Ihm ist es wichtig, dass dem Leser nicht alles vorgesetzt wird, jede Kleinigkeit beschrieben und erklärt wird. Was ihm fehlt, in der Literatur der Zeit des Realismus, in der er lebt, ist der Raum für die eigene Fantasie, die es dem Leser ermöglicht, einer Geschichte Farbe zu verleihen. Die anderen Anwesenden wiederum sind Vertreter des Realismus. Sie gehören dem gebildeten Bürgertum an, welches an ihren Berufen (Arzt) und Tätigkeiten (Schachspielen) zu erkennen ist.
Sie vertreten die „Mode“ des Realismus. Sie wollen „das ganze Farbenspiel sehen, die leisesten Halbtöne und allen Reiz des Helldunkels“ vorgelebt, also genau beschrieben bekommen. Das zieht sie ab von der Schönheit hin zur Realität.[4] Es wird jedoch nicht beschrieben, warum sich die Anwesenden in diesem Gasthaus aufhalten. Für den Verlauf der Novelle spielt es auch keine Rolle.
Es macht sich somit der Gedanke breit, das Eminus in seinen Reden die Ansichten Paul Heyes vertritt. Denn der 1830 in Berlin Geborene, oft in Italien Residierende und in München 1914 Gestorbene, ist bekannt für diese Art von Leidenschaft zur Literatur. In seinen zahlreichen Novellen war oft die Liebe ein zentraler Punkt. Eine Liebe, die durch politische und gesellschaftliche Konventionen verboten war und die Protagonisten in ein moralisches Dilemma stürzte.[5]

Die Binnenhandlung, welche Eminus, nach langem Zureden letztendlich vorliest, trägt den Namen „Die Geschichte von der Blonden Giovanna“ und stammt, so Eminus, aus einer Chronik aus dem ersten Viertel des 14.Jahrhunderts.[6]
Die Zeit in der die Binnenhandlung spielt ist, aus der Sicht der Rahmenhandlung, in der Vergangenheit. Sie ist eine intradiegetische Erzählung mit einem homodiegetischen Erzähler, der sich im dramatischen Modus befindet.
Der Erzähler betrachtet die Welt und das Geschehen rund um die zwei Protagonisten, Gioanna und Attilio, von außen. Und doch wird an zwei Stellen deutlich, dass er Teil der Geschichte ist, dass er in irgendeiner Art und Weise Anteil am Geschehen hat(te). Zwei Mal verwendet der Erzähler das Wort „unser“: „unserer übel heimgesuchten Stadt“ sowie „unser guten Stadt“[7]. Dass sich das „unsere“ beide Mal auf die Stadt Treviso bezog, macht glaubhaft, dass es sich bei der Geschichte um eine Chronik der Stadt Treviso handelt, wie eingangs Eminus darlegte.
Die Hauptfigur, dieser Geschichte ist Giovanna la Bionda, eine 32 jährige Stickerin aus Treviso. Im Verlaufe der Geschichte, wird sie auch „die Blonde“, „die Schöne“, „Gianna“, „Madonna“, „blonde Schönheit“ oder schlicht „Stickerin“ genannt.
Am häufigsten jedoch wird sie als „die blonde Gi[ov]anna“ tituliert oder in italienischer Sprache „Gianna la Bionda“.
Hier wird die Rebellion gegen die Moderne deutlich, denn die Attribute ’schön‘ und ‚blond‘ stehen für die Schönheit und auch die Reinheit. Die Zeit des Realismus versagt sich genau dieser Art des Schönheitsideals und dessen Darstellung.
Gianna verkörpert zudem Weisheit und Tugend. Sie ist emotional und doch rational. Ihr Handeln erfolgt bewusst und unter dem Credo der Sittlichkeit.
Die Komplikation dieser Geschichte findet sich in der Feindschaft zweier Städte: Treviso und Vicenza. Nach dem Treviso zuvor Vicenza unterlag, wurde das Ansehen von Treviso durch Attilio wieder hergestellt. Hier erweitert sich das Problem, denn Attilio wird nun der Tochter Emilia eines angesehenen Ehrenbürgers von Vicenza versprochen. Ihrer beider Vermählung soll die Feindschaft beider Städte aufheben.
Den Höhepunkt erfährt die Geschichte durch die Bekanntschaft Attilio’s mit Gianna und der damit aufkeimenden Leidenschaft.
Gianna und Attilio werden zu Opfern ihrer Umwelt und versuchen gemäß der Sittlichkeit und dem Allgemeinwohl zum Schutz, ihre Gefühle ganz patriotisch zu verschmähen. Doch sie geben sich, wider aller gesprochener Weisheit und Tugend[8], ihren Gefühlen hin und leben ihre Leidenschaft aus, indem sie diese als eine kurze und endliche Liaison definieren, von der sie nach Attilio’s Hochzeit nur als schöne Erinnerung zehren wollen.
Während der leidenschaftlichen Nächte versucht Attilio Gianna zu überreden, sich wider der Vernunft zu entscheiden. Denn dieser war bereit, alles für Gianna aufzugeben und eine mögliche Verfeindung mit dem Elternhaus seiner Verlobten Emilia, in Kauf zu nehmen.[9] Gianna jedoch, als Inbegriff von Patriotismus, konnte dem nicht nachgehen. An dieser Stelle schwankt ihr patriotisches Verhalten. Denn  der Gedanke daran, dass er eines Tages, ihre Liebe nicht mehr erwidern würde und es sodann bereut, dass er „sein junges Leben an ihr welkes geknüpft [hat]“, wurde zu einem Teil von ihr, den sie ihm Gegenüber durch Scherzen und völlige Hingabe  zu beschwichtigen versuchte.[10] Dadurch wird die reine Liebe ihm gegenüber verdeutlicht, denn nichts mehr als sein Wohlergehen stellte sie ganz oben auf.
Mit dem Tod Attilio’s durch seinen Erzfeind, den Bruder seiner Verlobten, löst sich das Problem der Liebenden. Gianna, tritt als die seine auf und bekundet dies öffentlich, als sie sich zum sterbenden Attilio kniet, und dessen Verlobte wegschickt: „dieser Sterbende gehört mir, und wie ich mit Leib und Seele die Seine war, so will ich auch im Tode bei ihm sein“.[11]
Durch die Worte, die Attilio in seinen letzten Lebenszügen zu Gianna sagt, entsteht ein romantischer Moment: „Der Tod hat nicht gewollt, daß ich einer Anderen meine Treue gelobe, die doch nur dir gehört.“[12], der seine ebenfalls reine Liebe bezeugt.
Durch den tragischen Tod Attilio’s und das öffentiche Liebesbekenntnis, scheint auch die Auflösung der Komplikation zwischen den beiden Städten erfolgt zu sein.
Es wird zwar nicht aufgeführt, wie sich die Familie der Emilia weiterhin verhalten wird, doch es bleibt anzunehmen, dass die Beziehung der beiden Nachbarstädte zumindest neutraler Art ist. Diese Vermutung ergibt sich aus der Geste, dass der Vater des Mörders, in Trauer über das Unglück seiner Tochter und die hinterhältige Tat seines Sohnes Lorenzaccino; bis zur Beerdigung des Attilio in Treviso verweilte.[13]
Das Ende der irdischen Liebe zwischen Attilio und Gianna, kennzeichnet die plötzliche Alterung und das über Nacht Silber gewordene Haar Giannas. Ihre Rolle in dieser dramatische Geschichte nahm ihren Anfang mit der Herstellung des Banners für den damals noch unbekannten aber schon verehrten Helden Attilio und endet mit dem ihrem Begräbnis zu Füßen seiner.
„Gianna la Bionda, die ihrem Geliebten Alles was sie besaß, mit in die Gruft gab, auch ihre Ehre, obwohl es ihr ein Leichtes gewesen wäre, sie unangetastet zu erhalten, wenn sie geschwiegen hätte.“[14]
Mit diesem Satz, schließt die Geschichte und die Binnenhandlung. Hier wird einmal mehr deutlich wie sehr Gianna für Sittlichkeit und Sinnlichkeit steht.

Zurück zu den Personen der Rahmenhandlung, stellt Eminus die Frage nach der Sittlichkeit dieser Geschichte an Frau Eugenie, welche zu Beginn der Novelle Eminus als sittlich bezeichnet hatte.
Ihre Antwort darauf reiht sich in das Sittenbild der Moderne ein, für sie geht eine „leidenschaftliche Hingabe, die nicht auf ewige Treue rechnet, [..] immer gegen [ihr] Gefühl [und söhnt sie] erst durch das tragische Ende mit dem befremdlichen Anfang [aus].“[15] Und im selben Atemzug gibt sie zu verstehen, dass sie Gianna bewundert, indem sie sagt, dass wenn „Giovanna [ihre] Schwester gewesen wäre“ sie ihr beigestanden hätte, nach dem Tod des Attilio: „Hand in Hand mit ihr hinter Attilios Sarge herzugehen“[16]
Die Symbolik, ein entscheidendes Charakteristikum für jede Novelle, ist auch hier präsent.
Während in der Rahmenhandlung die Langeweile der Gesellschaft durch wiederholte Tätigkeiten aufgezeigt wird: malen der sechsten Rose, die siebente Revanche Schach, Rätseln, Schlafen; so sind es in der Binnenhandlung gegenständliche Symbole die der Leser deuten und so den weiteren Verlauf der Geschichte erahnen kann.
Innerhalb der Binnengeschichte sind zwei Banner, die symbolisch für die leidenschaftliche Beziehung zwischen Gianna und Attilio stehen. Ihnen, den Bannern, wird nachgesagt, dass sie durch das goldene Haar Giannas beim ersten Banner und das silberne Haar beim zweiten Banner, verziert worden sind.
Da sie bei der Herstellung des ersten Banners Attilio noch nicht kannte aber dennoch voller Leidenschaft dieses fertigte, während sie sich den Helden als Engel mit Flammenschwert[17] vorstellte, legt hier den Grundstein der innigen Beziehung.
Das zweite Banner, das ihr fades und alt gewordenes silbernes Haar innehaben soll, bildet  den Schlusspunkt dieser irdenen innigen Beziehung.
Die rote Nelke hingegen, dessen Farbe Rot die Liebe verkörpert, lässt durch ihren Zustand, zertrampelt von Pferdehufen, auf ein schlimmes Ende der Liebesbeziehung hindeuten. Dass sie jedoch, nachdem Gianna sie in ein Glas bei sich daheim stellte, wieder erblüht ist, zeigt wiederum die Wahrhaftigkeit der Liebe.
Gleichsam spielt der Früchtetragende Feigenbaum[18] vor ihrem Fenster eine bedeutende Rolle. Die Früchte des Baumes stehen für die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau; und somit der von Gianna und Attilio.
So sind in der Binnenhandlung einige Aufforderungen die den Leser oder Zuhörer dazu anregen über das Geschriebene nachzudenken.
Und um wieder die Bedeutung der Binnenhandlung im Kontext mit der Rahmenhandlung zu erfassen, muss die eingangs erwähnte Langeweile betrachtet werden. Denn das verwöhnte Publikum der Moderne hat über die Geschichte der Binnenhandlung ihre Langeweile vergessen.
Vermutlich hat Heyse, in der Figur des Eminus, genau das beabsichtigt.


Textverweise/ Quellen:

[1]   Paul Heyse: Die Stickerin von Treviso. In: E. Dohm und J. Rodenberg (Hg.): Der
Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft. Leipzig: Payne 1869 (Bd.3), S.259. Online
unter digitale-sammlungen.de. (10.02.2014).
[2]   Vgl. ebd..
[3]   Vgl. ebd., S.259.
[4]   Vgl. ebd., S.259.
[5]   Heyse, Paul.  In: Walther Killy (Hg.): Literatur Lexikon. Autoren und Werke
deutscher Sprache. Digitale Bibliothek 9. Berlin: Directmedia 2005, S.8400-8406.
Hier genutzt online unter www.dbod.de (10.02.2013 –  Zugang ist beschränkt).
[6]   Vgl. ebd., S.260.
[7]   Vgl. ebd., S.261.
[8]   Vgl. ebd., S.261.
[9]   Vgl. ebd., S.272.
[10] Vgl. ebd., S.273.
[11]  Vgl. ebd., S.275.
[12]  Vgl. ebd..
[13]  Vgl. ebd., S.276.
[14]  Vgl. ebd., S.276.
[15]  Vgl. ebd., S. 277.
[16]  Vgl. ebd..
[17]  Vgl. ebd., S.264.
[18]  Elmar Seebold. Feige. In: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache.
Walter de Gruyter GmbH & Co. KG: Berlin: 2002. Hier genutzt online
         unter www.dbod.de.   (10.02.2013 – Zugang ist beschränkt).

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